Cry

War das Album "Neapolis" eine Rueckkehr zum europaeischen Art-Rock mit Reminiszenzen an die 70er-Jahre, bestehend aus Glam, Krautrock und Led Zeppelin-Gitarren zu Elektronik, ist "Cry", das erste, neue Studio-Album der Simple Minds nach vier Jahren, ein gelungenes Bindeglied zwischen dem Sound der ersten Band-Alben und den spaeter erfolgreichen, emotionalen Bombast-Melodramen - nicht mehr so reduziert und dennoch verhalten bis ruhig. Eher wie eine Brise an einem Sommerabend, an dem man sich nicht wirklich zur Action entschliessen kann und lieber abhaengt. Die signifikanten Zutaten sind alle vorhanden: Jim Kerrs kehliger Gesang, hier oefters im Mollbereich angesiedelt, die raeumlichen Gitarrenarrangements von Charlie Burchill, die hochfliegenden Refrain-Choere, die assoziativen Texte. Doch die frueher maechtigen Beats sind auf leichte, laessig schlendernde Dance-Beine gestellt. Dem Team gehoeren Kerr und Burchill, etliche Songwriter, Elekroniker, Produzenten, Synthi-Popper und Ex-Erasure Vince Clarke mit seinem Dance-Instrumental "The Floating World " an. Titelsong und Single "Cry" ist ein typischer, im guten Sinne altmodischer Refrain-Song mit einem sanften Wellenbad der Gitarren, waehrend die Auftaktstrophe zum Eurobeat-Melodram "One Step Closer" verdaechtig nach Talking Heads klingt, ehe es zwischen erotischen Hoehen und Tiefen pendelt. Die wunderschoene, akustische Gitarre auf der vo Bowie inspirierten 60er-Jahre-Ballade "Face In The Sun" spielt Kerrs Sohn Mark, auf "Lazy Lately" bahnen sich die guten alten Kinks ihren Weg. Stilistisch aus der Reihe tanzen die wohl interessantesten Album-Tracks "Disconnected", ein schlanker Elektronik-Song mit gutem Wortspiel, und "Slave Nation", ein spirituelles Reinigungsritual mit Gospel, Soul und Rhythm'n'Blues zu Synthibeats. Auf "Sleeping Girl" ist wieder einmal der unverbesserliche Romantiker Jim Kerr zu Gange. Zum Weinen schoen.