Nahaufnahme

" ... ich bin voellig eins mit mir ..." singt Marius Mueller-Westernhagen in "Eins", einem der vierzehn Lieder seiner neuen CD "Nahaufnahme", so gelassen, als sei er derzeit bei sich angekommen. Auch dieses Album wird wieder polarisieren, aber anders als der umstrittene Vorlaeufer "In den Wahnsinn" Westernhagen vermutlich eine voellig neue Zielgruppe erschliessen. Denn statt raunzigem Motzgesang, Rolling-Stones-Riffs zu hochfahrend bis arroganten Textsplittern zeigt der kuehle Deutsche viel Gefuehl und Mut zu eher unverstellten, zaertlichen Zeilen. Der Aufschrei im Rocklager wird ob so viel entspannter, leiser Gefuehlstaenzchen gross sein, auch wenn Songs wie die Western-Moritat "Georgie", der Bluegrass "Gejammer" ueber eine abgestandene Beziehung ein bisserl boese und sarkastisch daherkommen - und auch mal mit knalligem Rock wie "Daneben." Denn auch "Ignoranz", der einzige politische Kommentar ueber Denkfaulheit klingt verhalten und reflektiert. Schwerpunkt dieses Albums jedoch sind die Gefuehle, glueckliche und gluecklose Beziehungen, die er sanft und romantisch beschreibt, ob nun auf "Alles ist moeglich", "Schweige still", der jungenhaften Entschuldigung "Willst du tanzen", mit der er maennliche Unbeholfenheit in Sachen Gefuehl mit einer gewissen Selbstironie auf wenige, schoene Zeilen reduziert. Oder die verletzte maennliche Eitelkeit, die zwischen Lamoyanz und Rache schwankt, wenn er meint "Du entkommst mir nicht." Die exzellente Band sorgt fuer eine laessige, fast traumwandlerische Ruhe, gibt den Farbtupfern zwischen Latino, Barjazz, Folk und Country viel Raum, auch Blaeser und Streicher schaffen unaufdringlich Atmosphaere. "Nahaufnahme" ist das Statement des gereiften Pfefferminzprinz-Rock'91n'91Rollers, fuer Frauenherzen und fuer Maenner, die Herz zeigen wollen.